Mir eh auch

Kolumnen / Kurier Freizeit
Es ist jetzt zehn Wochen her, dass mein Hund Barolo gestorben ist, es waren Wochen der Veränderung. Viele Gewohnheiten liefen plötzlich ins Leere. In der Früh aufzustehen und in die Küche zu gehen, um Tee aufzusetzen, war nicht mehr so wie früher, wenn der hechelnde Schwarze plötzlich dastand, sich zu beschweren schien, dass er nicht wenigstens eine halbe Stunde länger schlafen durfte, und mir trotzdem die Schnauze in die Kniekehle stupste, geht's dir gut, Alter, mir eh auch.

Es ist eine radikale Entwöhnung, von heute auf morgen keinen Hund mehr zu haben. So viele Situationen des Alltags sind untrennbar verknüpft mit den Gedanken an deinen Hund, ob es das Begrüßen am Morgen ist, das Füllen des Napfes oder die obligatorische Gassi-Runde am Abend. Noch immer sträubt sich etwas in mir, abends die Schuhe auszuziehen, bevor ich noch mal auf die Gasse hinuntergegangen bin, aber außer mir will gerade niemand spätabends hinunter auf die Gasse, also ziehe ich mir die Schuhe dann doch aus, und jedes Mal gibt mir das einen kleinen Stich.

Am härtesten trifft mich das Fehlen meines Schwarzen beim Spazierengehen. Ich hab total vergessen, wie man ohne Hund spazieren geht. Wo soll sich der Blick anhalten in dem breiten Panorama von Landschaft, wenn irgendwo vor mir nicht ein schwarzer Hund voranwackelt, stehenbleibt, schnuppert, zu graben beginnt, Witterung aufnimmt, einen Hasen weglaufen sieht, jägerisch zuckt, aber prophylaktisch resigniert, weil er weiß, dass er ihn eh nicht erwischt, und sich schließlich immer wieder umdreht, um zu schauen, ob der Lange auch noch immer da ist, der Spur folgt, die er, der Schwarze, gelegt hat, dem Weg, den er einschlägt, oder ob er, der Lange, eigensinnig woanders abbiegt als sonst, Achtung, wo ist er, wo ist er...

Nun war, das haben mir die letzten Wochen eindrucksvoll gezeigt, der Barolo nicht nur mein Hund. Er war auch der Hund all jener, die unserem gemeinsamen Leben jede Woche für ein paar Minuten gefolgt sind, zu deren Ritualen es gehörte, sich regelmäßig in einer geborgten, in dieser Zeitschrift aufgeschriebenen Welt - meiner Welt, und der meines Hundes Barolo - umzutreiben und sich jede Woche ein bisschen besser darin auszukennen. 
Für mich gehörte das Schreiben der „Barolo"-Kolumne zu meinem Wochenalltag wie der Besuch auf dem Rochusmarkt, um dort Gemüse einzukaufen - das Standl von der Frau Lorenz, das mit Abstand beste am Markt, hat übrigens, wie beziehungsreich, auch in diesem Sommer zugesperrt. 

Das Schreiben fiel mir leicht, weil es direkt aus dem Erleben herausfiel. Sobald der Barolo irgendwo einen Mistkübel geplündert hatte, wusste ich, verdammt, den Dreck muss ich jetzt aufräumen, aber auch, gut, jetzt weiß ich, worüber ich diese Woche schreibe. Manchmal reichte es auch, wenn der Hund langweilig freundlich und anschmiegsam war, bis mir eine spezielle Stimmung einleuchtete, ein Fetzen von Atmosphäre, die Melodie eines Songs, ein Gefühl von Freude, von Sehnsucht, von Verbundenheit. Das wurde dann zur Geschichte der Woche.

Nach der letzten Barolo-Kolumne, die Todesnachricht, Nachruf und Abschiedspost in einem war, langte viel mehr Post bei mir ein, als ich je erwartet hätte, viele hundert Mails, Briefe, Pakete. Ich bekam Anrufe von mir fremden Menschen, kurios wie jener des mir bis dato völlig unbekannten „Waterloo", aber vor allem kamen Emotionen bei mir an, tiefe, überwältigende Emotionen in analoger oder digitaler Form. 

Ich brauchte buchstäblich ein paar Wochen, um alle Mails lesen und schließlich beantworten zu können, in denen Menschen mir schilderten, wie sie die Nachricht von Barolos Tod empfangen und aufgenommen hatten, oft war von Tränen die Rede, Tränen am Frühstückstisch, im Auto auf dem Weg in den Urlaub, irgendwo in der U-Bahn, als statt der gewohnten Kolumne plötzlich „die Letzte" im Blatt stand. Das Echo fremder Traurigkeiten fügte meiner eigenen Traurigkeit, dem Abschiedsschmerz um meinen Gefährten, meinen Lebenshund Barolo, noch eine gehörige Portion Pathos hinzu.

Ich möchte mich bei allen, die geschrieben haben, bedanken. Eure Post hat mich traurig gemacht und getröstet oder umgekehrt, die Gedichte von Pablo Neruda und Seamus Heaney genauso wie Eure eigenen Worte, die Geschichten Eurer Hunde, Katzen, Eurer Verluste, Eurer Strategien, mit dem Verlust eines Tieres umzugehen, nie mehr, sagen manche, einen Hund, noch einen Abschied halt ich nicht aus, sofort wieder, sagen andere, nur ein Hund, der da ist, verscheucht den Schmerz über einen Hund, der fehlt. 
Die Aufforderungen, sofort einen neuen Hund zu nehmen und die Hund&Herrl-Kolumne weiterzuschreiben, muss ich enttäuschen. Der Respekt für den Barolo, meinen schwarzen, sensiblen, lästigen Hovawart Barolo, ist stärker als meine Sehnsucht nach einem neuen Hund. 
Wie lange das so ist, weiß ich nicht. Eines Tages werde ich sicher einen neuen Gefährten haben. Aber das braucht noch Zeit.

Mir selbst habe ich die Freude gemacht, zur Erinnerung an meinen Schwarzen einen Sommerflieder in meinem Garten zu pflanzen. Der wird duften im nächsten Sommer, die Bienen und die Schmetterlinge anlocken, und dann werde ich irgendwo weit weg das Klacken von Barolos Kiefer hören, wie er nach den Bienen schnappt, und werde mich freuen, an die Zeit mit meinem Schwarzen zurückdenken zu können.




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