Leinenzauber

Kolumnen / Kurier Freizeit
Als mein Hund Barolo ein kleiner Hund war - nun, vielleicht nicht unbedingt klein, denn selbst im Alter von sechs Wochen hatte er schon das Volumen eines gut genährten Pudels, sagen wir also jung und unerfahren - stellte jeder unserer gemeinsamen Spaziergänge eine Herausforderung dar. Der Hund fand die Straße interessant. Der Hund fand andere Hunde interessant. Der Hund fand andere Menschen interessant, aber er sprang auch Tauben nach, versuchte zu fliegen, fand offene Kellerfenster spannend, versuchte zu tauchen. Und es war ihm ein Rätsel, warum wir, wenn er an der Leine ging, ein Verkehrsschild nicht auf zwei verschiedenen Seiten passieren konnten. 

Aber mein Hund lernte dazu. Er bemerkte die Stangen, wie sie aus dem Boden wachsen, und wusste plötzlich, wie er mich auf die richtige Seite bewegen musste. Er schmiegte sich an meine Unterschenkel und lenkte mich am Stoppschild vorbei. Er witterte, ob ich in Stimmung war, meinerseits den Weg um die Stange anzutreten, um die sich gerade die Leine geschlungen hatte, oder ob ich ihn dazu zwingen würde, seinerseits diesen Weg anzutreten, und entsprechend verhielt er sich.
Seit neuestem hat der Barolo, 12, diese raffinierte Mischung aus Wissen und Instinkt zu den Akten gelegt. Er trottet an der Leine neben mir die Straße entlang, und wenn wir dabei sind, uns unweigerlich um den nächsten Mast zu wickeln, schenkt er mir höchstens einen verschlagenen Blick aus dem Augenwinkel. „Ich weiß es", sagt dieser Blick, „aber ich will es nicht mehr wissen", und das ist ein Moment, in dem mir mein Hund zutiefst wie ein Mensch erscheint.

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