Kopfüber eingetaucht

Kolumnen / Kurier Freizeit

Ich saß in einem Gastgarten am Wienfluss und las in einem Buch. Es war ein gleichermaßen fesselndes wie irritierendes Buch, die Sprache von einem magischen Rhythmus, den ich erst einmal durchdringen, dem ich mich anvertrauen musste, und so saß ich in diesem Garten im Schatten, mein Hund Barolo hatte sich verkrochen, und ich war in besagtes Buch eingetaucht, kopfüber.




Das Buch heißt „Lügen über meinen Vater". Es stammt vom schottischen Schriftsteller John Burnsinde, und es ist eine Ballade über einen sehr speziellen Working Class Hero, den Vater des Schriftstellers, der mit seinen Lügen Hoffung sucht und nur falsche Realitäten heraufbeschwört, ein düsteres Buch, einerseits, aber andererseits so fabelhaft und virtuos und lebensnah erzählt, dass es keine andere Möglichkeit gibt, als der Erzählung leidenschaftlich zu folgen und sich nicht ablenken zu lassen, nicht vom kalten Getränk, das auf dem Tisch warm wird, nicht vom Schmatzen meines Tischnachbarn, der offenbar gerade eine Suppe ohne Löffel zu sich nimmt. Ich bin zusehends aufwühlt, als sich eine Hand auf meine Schulter legt und ich in die Augen eines Herren schaue, der über mein abwesendes Schafsnasengesicht lachen muss und fragt: „Geben Sie ihrem Hund nichts zu fressen?"

Ich drehe mich um und sehe, dass der Barolo sich gerade im intensiven Meinungsaustausch mit zwei Damen am Nebentisch befindet, die ihre Mahlzeit wohltäterisch mit ihm teilen, und als ich beginne, mich zu entschuldigen und den Hund wegzuzerren, beginnt der ganze Garten zu lachen, weil der Barolo ist schon bei der Nachspeise.

Ich muss vor der Lektüre von John Burnside in der Öffentlichkeit warnen. Sie kann unerwünschte Nebenwirkungen haben.

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