Kirchenglockenalarm

Kolumnen / Kurier Freizeit
Mein Hund Barolo liegt im Garten und wacht. Das ist seine Aufgabe. Als Hovawart muss er nicht jagen, keine Viecher zusammentreiben und nicht das Geschirr abwaschen. Er muss auf den Hof aufpassen. Er muss sich darum kümmern, dass ich bemerke, wenn jemand kommt. Er muss das Eingangstor im Auge behalten und mir mit lautem Bellen melden, dass wir Besuch bekommen, wenn wir Besuch bekommen.

Der Barolo nimmt diese Aufgaben durchaus Ernst. Wobei: Eine gewisse Wohlstandsverwahrlosung ist nicht zu übersehen. Es ist offensichtlich, dass der Hund an das Gute im Menschen glaubt, denn er wartet, um zu wachen, bis es an der Tür läutet - dann wacht er auf und macht einen Wirbel. Trotzdem danke.
Interessant, dass die Bereitschaft zu wachen mit zunehmendem Alter keineswegs leidet. Die Freude meines Hundes, Neuankömmlinge zu begrüßen und den Verzicht auf lautes Bellen gegen Streicheleinheiten zu tauschen, ist so intakt wir vor dreizehn Jahren. Die Feinheit des Gehörs indes hat gelitten. Das merkt man daran, dass Barolos Lieblingsgeräusch, das Rascheln von Stanniolpapier, langsam aber sicher im Sumpf der Unhörbarkeit versinkt. Ich wickle ein Stück Schokolade aus, und der Barolo liegt drei Meter entfernt und hört es nicht. Das Alter.
Auch in seinem Hauptberuf lässt der Hund nach. Reichte früher das Geräusch eines Kleinkinds, das auf Zehenspitzen am Haus vorbei schlich, um den Hund zu einer Tirade wütenden Bellens zu motivieren, müssen heute größere Geschütze aufgefahren werden. Und sie werden. Der Barolo bellt zu jeder vollen Stunde, wenn die Kirchenglocken läuten, dass jetzt aber ganz bestimmt jemand vor der Tür steht.

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