Hey, Baghira

Kolumnen / Kurier Freizeit
Eine Stimme aus einer anderen Zeit kriecht aus meinem Postkasten. „Hey", sagt die Stimme, und sie klingt auf merkwürdige Weise vertraut, wenn auch etwas heiser. 
„Weißt du was", sagt die Stimme. „Ich bin dein Schwesterchen."


Ich stutze. Einen Bruder, ja, aber dass ich ein Schwesterchen habe, war mir noch nicht klar, aber da beginnt die Stimme auch schon amüsiert zu hecheln - „doch nicht DEIN Schwesterchen, Spinner, das Schwesterchen deines Lebensgefährten, des Hundes Barolo."
Oh. Ich sage ja immer, man soll Zahnbürsten und Postkästen nicht teilen.
Welches Schwesterchen übrigens, lässt der Barolo fragen.
„Baghira. Erinnerst du dich nicht? Du hast mich immer in mein linkes Hinterbein gezwickt."
„Hinterbein, Hinterbein? Stimmt! Hatte immer so ein erdiges Aroma..."
Barolo belieben zu scherzen, wenn er gerührt ist.
Und, wie geht es dir, Baghira? Du bist ja auch schon vierzehn...
Okay. Das Aufstehen ist ein bissel ein Mühsal, aber das weißt du ja.
Und sonst? Schaust du dir auch manchmal die Fotos an, wo wir als Babys im Korb sitzen?
Logo, sagt Baghira.
Du bist übrigens anderthalb Stunden jünger als ich, sagt dann der Barolo.
Ich weiß, sagt Baghira und schweigt. Dann sagt sie: „Ich sag jetzt bald, ich muß gehen, ich hoff dir geht's noch gut. Wir sehen uns. Grüß dich, in Liebe."
Ganz meinerseits, sagt der Barolo und putzt sich die Nase.

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