Die Schönwetter-Droge

Kolumnen / Kurier Freizeit
In der Stadt dichtes Grau. Ein Tag, an dem du, wenn der Wecker läutet, ungläubig auf die Zeitanzeige starrs und denkst, hey, was ist denn heute los? Warum ist es um diese Zeit noch dunkel? Hab ich irgendwas verpasst? Hat die Sonne Herzrhythmusstörungen oder so was?

Mein Hund Barolo, der in der Regel lange, bevor es zu dämmern beginnt, seine Matratze mit der karierten Decke verlässt, um in der Küche auf die erste Öffnung des Kühlschranks zu warten, liegt noch auf seinem Bettchen, was ebenfalls Rückschlüsse auf die Schwere der Nacht und die Dichte der Dunkelheit erlaubt. Mit dem vorwurfsvollen, leisen Kopfschütteln älterer Semester, die in der Straßenbahn junge Menschen dabei beobachten, wie sie sich ihre Lieblings-Hip-Hop-Songs auf dem Handy vorspielen, weist mich der Barolo darauf hin, wie deprimierend sich der Mangel von Licht auf seine innere Uhr auswirkt.
Du hast Recht, dachte ich mir. Du hast Recht. Lass uns etwas dagegen machen.
Was denn, fragte der Barolo.
Wir stehlen uns einen Tag, sagte ich.
Dann fuhr ich in mein rustikalstes Gewand, schnürte meine hohen Winterstiefel, und statt ins Büro zu gehen, fuhren der Barolo und ich nach Reichenau, nahmen in Hirschwang die Seilbahn auf die Rax hinauf, stießen, als die Gondel die Nebeldecke durchstieß, helle Schreie des Entzückens aus und marschierten von der Bergstation unter einem hohen Himmel, im stählernen Licht der Wintersonne hinauf zum Ottohaus, wo wir jeder ein Paar Raxler, Hybridwürste zwischen Frankfurtern und Debrizinern, verzehrten und für einen langen Augenblick mit uns und der Welt hellauf zufrieden waren.

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