Kurz bevor es Schlafenszeit ist, wird mein Hund Barolo unruhig. Er drängt hinaus, er will durch weit geöffnete Nüstern den Duft des nicht mehr weit entfernten Herbstes einsaugen, und weil wir uns gerade im Norden Dänemarks befinden, hat er damit eine ganze Menge zu tun. Die Gewohnheiten, die er sich im mediterranen Umfeld des Weinviertels erworben hat - nachts in der Wiese liegend den Sternlein beim Funkeln zusehen und dem Konzert der Grillen oder, je nachdem, Mücken, lauschen - legt er auch hier nicht ab, wo wir ein schilfgedecktes Häuschen unweit der Küste bewohnen. An dessen Grundstück grenzt übrigens ein Wald wie kein zweiter: der Tisvilde Hegn wurde von smarten Förstern angelegt, um der drohenden Versandung des Küstenstreifens Einhalt zu gebieten. Die Wurzeln des Mischwalds bohrten sich durch meterhohen Sand in nährstoffreiche Tiefen, an der Oberfläche entstand das Bild eines Waldes: märchenhaft, freundlich, harmonisch im Wechsel von hell und dunkel. Der Barolo und ich haben diesen Wald mit Genuss benützt.
Mein Hund schläft im Freien, er wünscht das so. Er liebt die Dunkelheit, die nächtlichen Geräusche. Als mich eines Nachts der Donnerschlag eines Gewitters aus dem Bett holte, wollte ich den Hund vor dem Toben des Windes freilich in Sicherheit bringen, allein: um nichts in der Welt wäre der Barolo ins Haus gegangen. Er lag mit hoch erhobenem Kopf im Rasen und ließ sich vom stürmenden Nordwind die Ohren massieren. Seine Träume müssen in einem rasenden Cabrio gespielt haben, in der Früh kam der Hund mit einem glamourösen Lächeln zum dänischen Frühstück.
Der Märchenwald
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