Der Hydrant

Kolumnen / Kurier Freizeit
Manchmal wäre das Leben enttäuschend, wenn man alles scharf sehen würde. Das ist keine Einladung an die Kurzsichtigen unter Euch, die Brillen abzusetzen und den Tag impressionistisch anzugehen, es beschreibt jedoch die Sinneswelt meines Hundes Barolo, wenn er die Hundewiese überquert, plötzlich zusammenzuckt, die Haare sträubt und seinen Blick auf einen Hydranten richtet. Der Hydrant ist für das Zurückstarren natürlich sehr begabt, es ist dann mein Hund Barolo, der sich einen Ruck gibt und auf den vermeintlichen Rivalen zuschleicht, entschlossen witternd, und wenn er dann altes, angepinkeltes Gusseisen wittert, entspannt sich der Hund sichtlich, schnuppert ein bisschen am Hydranten, lässt die Ohren fallen und pischt den Hydranten zu guter Letzt selbst ein bisschen an.

Zu anderer Gelegenheit verunsicherte mein Hund einen Reisenden, der entlang der kleinen Hundewiese zum Terminal des City-Airport-Train eilte, seinen Handgepäckstrolley im Schlepptau. Der Barolo, erneut im Irrtum, was die Präsenz eines Nebenbuhlers um die Gunst des Hydranten betraf, zischte auf den Trolley zu wie auf ein Eichhörnchen, und der Reisende wusste für einen Augenblick nicht Bescheid, ob er sich im Somalia Wiens befand, wo mit abgerichteten Piratenhunden Handgepäck gekidnappt wird. Aber wieder erlahmte das Interesse meines Hundes schlagartig, als er merkte, dass Samsonite nicht wie erwartet ein Königpudel, sondern ein Koffer war.
Schämte sich der Hund wenigstens für seine lächerlichen Aussetzer? Ich glaube schon. Er drehte sich, nachdem er Samsonite beschnüffelt hatte, durchaus peinlich berührt zu mir um - aber vielleicht wollte er auch bloß Zuspruch vom Hydranten.

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