Über die Musikalität meines Hundes Barolo wisst Ihr Bescheid. Er ist ein äußerst sensibles Tier, was Melodiebögen und raffinierte Rhythmen betrifft, und immer wieder treffen bei uns zu Hause kleine Päckchen von Amazon ein, in denen sich musikalische Kostbarkeiten verbergen, die der Barolo per Internet geordert hat - zuletzt das schöne Album von Bonnie Prince Billy & The Cairo Gang namens „The Wonder Show of the World". Der Hund hört die traurig-schaurigen Klänge vornehmlich auf dem Rücken liegend, und wenn man sich zu ihm legt, lässt sich der Barolo sogar am Bauch streicheln.
Worüber ich hingegen nicht Beschied wusste, sind die musikalischen Perspektiven, die mein Hund für sich selbst entdeckt hat. Gewiss, er singt von Zeit zu Zeit, vor allem wenn der Briefträger vor der Tür steht, aber dass er mehr als das berühmte Liedchen auf den Lippen hat, das ihn als frohen Gesellen ausweist, war mir nicht bekannt, bis wir heute nach unserem Morgenspaziergang nach Hause kamen und im Stiegenhaus den freundlichen Nachbarn trafen, der ein eigenes Musiktheater namens L.E.O. (Letztes Erfreuliches Operntheater) betreibt, ein Job, der uns viel Freude macht, weil wir zuweilen an den Proben partizipieren, wenn im Hof die Fenster offen sind, ich kann nur sagen: höchste Qualität.
Besagter Nachbar war so vertieft in ein Schriftstück war, dass er uns fast übersehen hätte. Aber nicht mit dem Barolo. Er begann zu singen, so schön, wie er noch nie gesungen hatte, mit unangestrengter Alt-Stimme bis in die höchsten Töne seiner Lage, es war wunderbar, und der Impresario schaute inspiriert über den Rand seines Buches: es war die Partitur von „Salome".
